Leprous | 20.11.2019


Es war mal wieder einer dieser Konzertabende, an denen man sich am liebsten zweiteilen wollte. In der Arena erwartete Besucher am Mittwoch mit Insomnium ein Melo Death-Großaufgebot, doch die Vorfreude auf Leprous und Support war größer, weshalb ich mich für einen Progressive-Abend entschied. Kurz nach Release ihres sechsten Studioalbums Pitfalls, das nur zwei Jahre nach Malina erschien, begaben sich die Norweger auf Tour durch Europa, wo sie auch wieder in der Szene Wien Halt machten.

Punkt 20.00 Uhr starteten Port Noir in den vielschichtigen Abend. Die Schweden waren bereits 2015 in Wien zu sehen, nun erfolgte mit ihrem dritten Album The New Routine ihre Rückkehr auf eine österreichische Bühne. Die halbstündige Setlist beinhaltete ausschließlich Songs des neuen Longplayers, das Alternative Rock und Synthie-Sound vereint. Das Trio wurde anfangs noch eher mit Zurückhaltung bedacht, die sich jedoch Song für Song von Zustimmung zu Begeisterung wandelte. Ebenso gaben sich Port Noir eher zurückhaltend, Frontmann und Bassist Love Andersson wurde jedoch zunehmend gesprächiger und auch Gitarrist Victor Sandberg, der auf der Tour für Andreas Hollstrand einspringt, gab sich redlich Mühe, das Beste aus dem wenigen ihm zu Verfügung stehenden Platz zu machen. Mit Old Fashioned und 13 schloss die Band ihr Set ab, erntete ein letztes Mal lautstarken Zuspruch und ging hoffentlich mit der Absicht, bald wieder mit einem längeren Set nach Wien zurückzukommen, von der Bühne.

Nach einer rekordverdächtigen Umbaupause von gut zehn Minuten ging es weiter mit The Ocean. Das deutsche Kollektiv war schon einige Jahre nicht mehr in Wien zu sehen, umso größer war die Spannung im mittlerweile brechend vollen Konzertraum. Man merkte deutlich, dass die Bands heute vor ausverkauftem Hause spielten. Nebel und ein Bühnenshow-Spiel aus Licht und Schatten sorgten für eine einnehmende Stimmung, als die Band zu Permian: The Great Dying ansetzte und Frontmann Loïc Rossetti, anfangs noch hinter dem abgedeckten Leprous-Schlagzeug versteckt, seine Stimme erhob und mittels Licht entsprechend in Szene gesetzt wurde. Als schließlich härtere Instrumental-Geschütze aufgefahren wurden, war dies Rossettis Stichwort, in den vorderen Bereich der Bühne zu kommen und sich - gemeinsam mit seinen restlichen Bandmitgliedern und dem begeisterten Publikum - von der Energie der Setlist, die hauptsächlich aus Material der Alben Pelagial und Phanerozoic I: Palaeozoic bestand, mitreißen zu lassen. Überbordende Soundwände, Sludge-Einschläge, Post Rock-Elemente und Keyboard-Parts sorgten für kollektive Sogwirkung und eine kurzweilige 50-minütige Show. "Wir wissen gar nicht, warum wir euch so lange ignoriert haben", scherzte Gitarrist Robin Staps. Wir wissen es auch nicht, denn die geniale Darbietung und die überaus positive Resonanz des Publikums würden definitiv für regelmäßigere Besuche der deutschen Formation sprechen.

Vermehrtes Gedränge in den vorderen Reihen machte sich bemerkbar, ein klares Indiz dafür, dass das Warten auf den Headliner begonnen hatte. Um 22.00 Uhr war es schließlich an der Zeit für den musikalischen Höhepunkt des Abends. Leprous stellten ein Mal mehr unter Beweis, was für meisterliche Showmänner sie sind. Top Sound, eine perfekt aufeinander eingestimmte Band, eine Lichtshow, die die Songs passend untermalte, die neuerliche Cello-Unterstützung von Raphael Weinroth-Browne und eine Stimmgewalt von Frontmann Einar Solberg sorgten für eine spannende Darbietung. Die Setlist bestand natürlich hauptsächlich aus Songs des kürzlich erschienenen Albums Pitfalls, das ein sehr persönliches geworden ist. Songs wie Distant Bells funktionierten auch live prächtig und wechselten sich mit Songs á la Bonneville und älterem Liedgut wie The Price stimmig ab. Apropos persönlich: Zwar war die Show natürlich exakt durchgeplant, Leprous zeigten sich jedoch nicht mehr so distanziert und erlaubten sich eine etwas lockerere Haltung auf der Bühne. So war jedes der Bandmitglieder - mit Ausnahme von Schlagzeuger Baard Kolstad - mal an den Keyboards zu sehen und Frontmann Einar Solberg übte sich regelmäßig darin, kurze Ansprachen an das Publikum zu machen und auch den einen oder anderen Scherz einfließen zu lassen. Leprous sind also nicht nur Meister ihres Fachs, sondern auch eine sehr sympathische Band, die noch lange nicht damit aufgehört hat, sich weiterzuentwickeln.

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